BUCHS

Kunstwerke aus schwarzen Punkten

Mit bürgerlichem Namen heisst sie Jane Lutz. Besser bekannt ist die Buchserin als Jane Stichflut. Seit Jahren ist die 35-Jährige aus der nationalen und internationalen Tattooszene nicht mehr wegzudenken.
09.01.2018 | 15:55
Andrea Müntener
 
«Willkommen. Ich bin Jane.» Mit diesen Worten werden die Kunden des Studios Stichflut völlig unkompliziert und herzlich von der versierten Tattookünstlerin empfangen. So auch der W&O. Beim ersten Blick auf die Studioumgebung und die Inhaberin ist dem Besucher bewusst: Hier ist eine kreative, vielleicht auch etwas extravagante, künstlerische Person tätig. Als Kleiderhaken an der Garderobenwand dienen ausrangierte, radlose Skateboardachsen. Die gegensätzlich wirkenden edel tapezierten Wände im Foyer werden von Zeichnungen und Prints – zum Teil Geschenke von befreundeten Tattookünstlern – geschmückt. Auch die Chefin selbst ist geschmückt, geschmückt mit vielen Tattoos mehrheitlich in den Nuancen Grau bis Schwarz. Janes Gesicht wird von mehreren kleineren Tattoos geziert. Manch ein Betrachter wagt einen zweiten, wenn nicht gar einen dritten Blick. Ihr markantes Gesicht zieht die Blicke auf sich. Jane liebt und lebt, was sie macht. Wer sich ein Tattoo stechen lassen möchte, fühlt sich bei Jane wirklich willkommen.
 

Grossprojekt «Bodysuit»

Jane erinnert sich zurück an ihr erstes Tattoo: «Das war im zarten Alter von 16½ Jahren. Aus heutiger Sicht gesehen definitiv zu früh! Gegen den Rat meiner Mutter liess ich mir mein erstes Tattoo stechen. Meine Mutter konnte oder wollte es mir nicht rigoros verbieten, ist sie selbst doch auch tätowiert.» Das gewählte Motiv lässt sie heute schmunzeln und ist mittlerweile mit einem Cover-up versehen, das heisst, es ist überstochen worden. «Mein erstes Tattoosujet gefiel mir mit der Zeit überhaupt nicht mehr, es passte nicht mehr zu mir.»
Ihre eigenen Tattoos am ganzen Körper sind heute praktisch nicht mehr einzeln zählbar. Viele Tattoos laufen ineinander über, die einzelnen Kunstwerke sind verschmolzen. An Janes Körper sind nur noch wenige nicht tätowierte Stellen übrig. Immer wieder legt sie sich bei befreundeten Tattookünstlern unter die Nadel. «Mein Ziel ist ein Bodysuit, zu Deutsch ein Ganzkörperanzug aus Tattoos. Einzig das Gesicht wird nicht völlig tätowiert sein. Das entsteht aber nicht von heute auf morgen, das ist ein Grossprojekt!» Was wohl ihre Mitmenschen über ihr Grossprojekt denken? Das interessiert sie nicht, Jane zieht ihr Ding durch – sie weiss, was sie will!
 

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Jane stammt aus einem kreativen Elternhaus. Es wurde kaum ferngesehen. Die Kinder wurden animiert zum Zeichnen und Basteln, auch verbrachten sie sehr viel Zeit draussen. Nach Abschluss der Schule fand Jane keinen für sie passenden Beruf. Sie wusste, es musste etwas Handwerkliches sein, etwas, wobei ihre Muse und Kreativität voll zum Einsatz kommen durften. In ihrer Selbstfindungsphase schlug sie sich mit diversen Jobs durch, bis sie im Alter von gut 20 Jahren ihr Aha-Erlebnis hatte. «Ich besuchte eine Tattoo-Convention im deutschen Cottbus und lernte dort meinen zukünftigen Lehrmeister und Mentor kennen. Zurück in der Schweiz packte ich meine Koffer und zwei Tage später hat mich meine Reise nach Wien geführt – wo mein Mentor sein Tattoostudio betrieb.» In der Schweiz besteht keine Möglichkeit, eine anerkannte Lehre als Tätowierer zu absolvieren. So pendelte Jane während zwei Jahren immer wieder nach Wien, um ihrem Lehrmeister und vier weiteren Tattooartisten über die Schultern zu schauen und alles in sich aufzunehmen. «Viel mehr tat ich in Wien nicht, ich habe nicht ein einziges Tattoo gestochen in der Zeit. Es hiess lediglich: Nadeln löten, zuschauen, zeichnen und putzen! Das war manchmal enorm anstrengend. Doch ich bin ehrgeizig und hatte stets mein Ziel vor Augen! Aufgeben stand deswegen nie zur Debatte.» Nach rund zwei Jahren als «Lehrling» hatte Jane ihr erstes Etappenziel erreicht: Ihr Mentor forderte sie auf, ihr erstes Tattoo zu stechen, ihre Lehrabschlussprüfung quasi. Nicht er stellte sich dafür zur Verfügung, sondern Jane musste sich das Tattoo selbst stechen. Ihr Fussgelenk sollte mit einem schwarzen Borneo-Tribal verschönert werden. «Es war schon eine sehr spezielle Situation. Du stichst dein erstes Tattoo, weder bei einem Freund noch auf dem ‹Mythos Schweinehaut› – was übrigens kein mir bekannter Tätowierer gemacht hat –, sondern an dir selbst», denkt Jane zurück. Dass ihr Lehrmeister damals mit ihrer Arbeit zufrieden war, ist selbstredend.
 

«Black Work» – der eigene Stil

Mittlerweile sind fast 15 Jahre vergangen. Jane hat sich seither nicht mehr selbst tätowiert. Wie viele Tattoos sie ihren Kunden gestochen hat, entzieht sich ihrer Kenntnis: «Es sind Hunderte. Als ich im Jahre 2007 in die Selbstständigkeit startete, waren vor allem Sterne, Ornamente und Tribals gefragt», erzählt die selbstbewusste Jane aus ihren Anfängen im eigenen Studio. Heute hat sie ihren eigenen Stil gefunden – die «Black Work» – und ihre Kunden kommen vor allem deswegen zu ihr. Ihre Körperkunst wird mehrheitlich von der Farbe Schwarz dominiert. Dies ist in ihren Sujets, den  Mandalas, Maori oder den filigranen Dotworks – Kunstwerke, die nur aus feinen, kleinen Punkten bestehen –, ersichtlich.
 
«Für mich muss ein Tattoo keine persönliche Bedeutung haben. Gefällt es mir, lass ich es stechen. Schliesslich ist es Körperschmuck!» Auch bei ih­ren Kunden ist sie sehr flexibel und geht auf Kundenwünsche ein. Einzig Schnellschüsse macht sie nicht. Es kam schon vor, dass sie Kunden ungestochen nach Hause schickte. «Ganz klar distanziere ich mich auch von politischen Sujets, unbedeutend, ob links- oder rechtsgerichtet. Auch Vornamen von ‹Schätzlis›, primär bei jungen Leuten, steche ich nicht. Das sind absolute No-Gos für mich.»
 

Internationale Conventions

In den vergangenen Jahren wurde die Buchserin auf diverse internationale Conventions – Treffen von Tattookünstlern – eingeladen. Sie hatte die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Ländern wie Nepal, USA oder Dänemark vorzustellen. «Das ist für mich eine grosse Freude und eine riesen Chance. So kann ich mich und meine Arbeiten vor einem grossen Publikum repräsentieren. Zudem treffe ich Gleichgesinnte. Auf engem Raum so viele Freunde und Arbeitskollegen zu treffen, das gibt es für mich sonst nirgends», erzählt Jane mit Begeisterung. Solche Anlässe sind für den Austausch und das Netzwerk der Tattookünstlerin enorm wichtig. Denn ihr ist bewusst, dass ihre Arbeit ein hartes Business ist. Ihr Job als Tätowiererin ist nicht unbedingt von Notwendigkeit, wie die des Spenglers oder des Coiffeurs. Doch Dank ihrer treuen, teilweise auch internationalen Kundschaft konnte sie ihren Lebenstraum verwirklichen: «Ich bin meinen Kunden wirklich sehr dankbar, dass sie mir ihr Vertrauen schenken und mich somit meinen Traum leben lassen.»
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