HEMBERG

«Für mich persönlich ein grosser Gewinn»

Als Nachfolger von Walter Fischbacher als Gemeindepräsident hatte Christian Gertsch ein schweres Erbe anzutreten. Jetzt, nach 12 Monaten, schaut er zwar positiv, aber auch ein wenig mit Sorge in die Zukunft der kleinen Neckertaler Gemeinde.
06.01.2018 | 08:00
Urs M. Hemm

Urs M. Hemm

urs.hemm

@toggenburgmedein.ch

Die Nachfolge eines langjährigen Gemeindepräsidenten anzutreten, ist nicht einfach: Gewohnte Abläufe werden allenfalls geändert, Verwaltungsmitarbeitende und die Bevölkerung müssen sich an ein neues Gesicht gewöhnen. Christian Gertsch, seit einem Jahr Gemeindepräsident von Hemberg, scheint diese Aufgabe gut gemeistert zu haben – er zieht eine erste Bilanz.

Christian Gertsch, Sie haben vor gut zwölf Monaten das Amt des Hemberger Gemeindepräsidenten angetreten. Wie fällt Ihr Fazit nach diesem Jahr aus?

Grundsätzlich kann ich eine positive ­Bilanz ziehen, weil ich sehr viel dazu ­gelernt habe: Wie funktioniert eine Gesellschaft, wie kann ich diese Gesellschaft auch im Kleinen würdigen und die Zusammenhänge erkennen. Für mich persönlich war das ein grosser Gewinn.

 

Also funktioniert die Kommunikation mit der Bevölkerung gut?

Ja. Ich bin vor allem dankbar, dass ich oft angesprochen wurde, sei auf der Strasse oder im Dorfladen. Wenn die Menschen ein Anliegen hatten, haben sie aber auch telefoniert oder eine E-Mail geschrieben.

Mit welchen Erwartungen haben Sie dieses Amt angetreten?

Mein oberstes Ziel war und ist noch immer eine wertschätzende Zusammenarbeit. Daher war es schön zu merken, dass dabei wirklich alle an einem Strick ziehen und mitmachen. Es war nicht so, dass ich gleich grosse Probleme erwartet hätte oder an die vorderste Front musste. So war meine Erwartung oder Hoffnung, eine wertschätzende Haltung gegenüber allen einzunehmen, zu der ich zu hundert Prozent stehen kann. Meine Hauptaufgabe war eher die Dinge, die funktionieren, zu bewahren und zu erhalten. Und gerade in unserem Dorf funktioniert das, da die Leute aufeinander zugehen und miteinander reden.

Haben sich diese Erwartungen im vergangenen Jahr erfüllt?

Insbesondere auf meine Ratskollegen kann ich mich immer verlassen. Die Stimmung an den Sitzungen ist stets positiv und die Ratsarbeit wird konstruktiv und speditiv erledigt. Insofern haben sich meine Erwartungen voll und ganz erfüllt.

Gab es auch Überraschungen, auf welche Sie nicht vorbereitet waren?

Überraschungen gab es keine. Die Geschäfte, welche bereits bei meinem Vorgänger initiiert worden waren, wurden sauber übergeben und laufen auch dementsprechend in dieser Legislatur weiter. Eine grosse Herausforderung jedoch ist die Finanzierung der grösseren Investitionsprojekte der Gemeinde, insbesondere der Neubau des Mehrzweckgebäudes. In diesem Ausmass hätte ich das nicht erwartet.

Die vorläufige Sistierung, respektive das Festhalten am bisherigen Mehrzweckgebäudeprojekt war bestimmt ein Rückschlag für Sie.

Bauen in einem Dorf, in welchem viele Gebäude denkmalgeschützt sind und auch Rücksicht auf das Ortsbild genommen werden muss, ist immer eine grosse Herausforderung. Entscheidungen der Baubehörde sind immer auch richtungsweisend für kommende Projekte, damit alle gleich behandelt werden. Da kann es eigentlich keine Ausnahmen für Bauten der Gemeinde geben.

Wann soll das Gebäude bezugsbereit sein?

Wir werden das Baugesuch weiterhin sorgfältig prüfen. Dennoch warten wir die Entscheidung der gerichtlichen Instanzen über die eingegangene Beschwerde ab. Wurde darüber befunden, können wir zielgerichtet weiterplanen. Einen konkreten Zeitplan aufzustellen, ist daher unmöglich.

Neben Ihrem Amt als Hemberger Gemeindepräsident leiten Sie das Wohnheim und Werkstätte Landscheide. Lassen sich diese beiden Aufgaben gut nebeneinander ausführen?

Bisher habe ich noch keine Rückmeldungen bekommen, sei es von der Landscheide oder der Gemeindeverwaltung, dass es so nicht aufgehen würde. Dennoch habe ich gegen Ende des vergangenen Jahres gerade diesen Punkt sowohl im Gemeinderat als auch in der Landscheide thematisiert. In beiden Gremien schien es kein Problem darzustellen, sodass ich meinen jeweiligen Aufgaben wohl gerecht werde. Was meine Arbeit erleichtert, ist, dass es zwei Führungremien sind, die in ihrer Arbeitsweise sehr ähnlich funktionieren. Ich kann auch für mich aus meiner Erfahrung in Führungspositionen schöpfen, sodass ich ein gutes Gefühl dabei habe.

Als Gemeindepräsident haben Sie ein Pensum von 25 Prozent. Ist diese Reduktion im Vergleich zu Ihrem Vorgänger Walter Fischbacher ein schleichender Abbau der Verwaltung?

Nein, denn im Gegenzug mussten andere Mitarbeiter vermehrt operative Aufgaben übernehmen. Ich konzentriere mich eher auf die strategischen Führungsaufgaben. Dafür, dass meine Kolleginnen und Kollegen zusätzliche Aufgaben übernommen haben, bin ich sehr dankbar. Es gab also lediglich eine Konzentration in der Verwaltung, aber keinen Abbau. Noch kann die Gemeinde sämtliche Dienstleistungen anbieten und wahrnehmen. Deswegen haben wir auch das Budget nicht gekürzt, sondern haben diese Verlagerungen in unserer Finanzplanung berücksichtigt.

Die Hemberger Bevölkerung hat sich im Jahr 2014 klar gegen eine Fusion ausgesprochen. Wo sehen Sie die mittelfristige Zukunft Ihrer Gemeinde?

Es ist tatsächlich so, dass wir das Thema Fusion nicht ausser Acht lassen dürfen. Dabei befinden wir uns aber in einem Dilemma. Einerseits hat sich Bevölkerung ganz klar für die Eigenständigkeit der Gemeinde ausgesprochen. Andererseits dürfen wir nicht die Schwierigkeiten vergessen, die der Erhalt einer solch kleinen Gemeindeverwaltung mit sich bringt. So wird es beispielsweise immer schwieriger, niedrigprozentige Stellen mit fachlich kompetentem Personal zu besetzen. Dies ist uns zwar in der Vergangenheit immer gelungen, eine Garantie dafür und somit für den Erhalt aller Angebote gibt es aber nicht.

Andere Gemeinden im Toggenburg haben, wenn Sie nicht gerade fusioniert haben, Ämter wie beispielsweise die Führung der Grundbücher oder die Steuerämter zusammengelegt. Wie lange kann Hemberg auch in Zukunft noch alle Amtsgeschäfte selbst erledigen?

Zuerst muss abgeklärt werden, ob wir die ganze Verwaltung personenunabhängig sicherstellen können. Und dann müssen wir Personen finden, die die Ämter führen. Dies bedingt auch eine interne Neuorganisation der Verwaltung, vor der wir in den nächsten Jahren personellbedingt stehen werden. Darum wird die Frage, weitergehender Zusammenarbeit oder Fusion im Zusammenhang mit dem ganzen Risiko und der Verantwortung, die man zu tragen hat, sicherlich wieder zum Thema. Dies betrifft vor allem die Ämter mit niedrigprozentigen Stellen wie die Finanzen, das Sozialamt, das Grundbuchamt oder das Steueramt. Die tiefen Stellenprozente sind auch bezüglich des Aufwandes in einer kleinen Gemeinde begründet, bedingen aber die Zusammenlegung von verschiedenen Ämtern auf eine Person. Eine grosse Herausforderung in einem solchen System ist auch die Ferienvertretung. Das heisst, jeder muss die Ämter des anderen übernehmen können. Dazu kommt, dass Hemberg finanziell zu 50 Prozent vom Kanton abhängig ist. Diese äusseren Zwänge sind nicht zu unterschätzen, wenn der Kanton finanziell in Schwierigkeit gerät und Zahlungen streicht. Als kleine Gemeinde haben wir dann auf solche Entscheidungen keinen Einfluss und müssten entsprechend darauf reagieren. So bekommen wir im Jahr 2018 aufgrund des Finanzausgleichs 16 Prozent mehr. Wir sind jetzt bei einem Steuerfuss von 148 Prozent. Dies zeigt auch die Verletzlichkeit und Abhängigkeit Hembergs.

Welches sind andere, wichtige Ziele, die Sie sich für die verbleibenden drei Jahre Ihrer Legislatur gesteckt haben?

Vorrang wird die Raumplanung für die Gemeinde Hemberg haben. Denn einerseits müssen wir dem Ortsbildschutz Rechnung tragen, andererseits dürfen wir dadurch der baulichen Entwicklung der Gemeinde nicht im Wege stehen. Wichtig ist, dass es für künftige Bauherren Rechtssicherheit gibt mit schlanken, klaren Bedingungen. Ein anderer wichtiger Punkt wird die Zukunft von Hemberg sein und diese in einem mehrheitsfähigen, gangbaren Weg aufzuzeigen.

Worauf möchten Sie in einem Jahr mit Freude zurückblicken können?

Dass wir weiterhin auf allen Ebenen konstruktiv haben zusammenarbeiten und alle Herausforderungen, die auf die Gemeinde noch zukommen werden, haben bewältigen können.

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