ABSTÜRZE

Flugzeugtragödien im Toggenburg: Ein Überblick mit Video

Die Gemeinde Kirchberg erhielt kürzlich ein Geschenk in Form eines Sextanten. Das Navigationsgerät gehörte zu jenem Bomber, der im März 1945 über Dietschwil abstürzte. Es war in den Kriegsjahren nicht der einzige Flugzeugabsturz in der Region.
08.01.2018 | 17:07
Beat Lanzendorfer
Gemäss Informationen der Gemeinde Kirchberg fand ein Augenzeuge des Absturzes an der Absturzstelle einen Sextanten aus dem Bomber B-24 Liberator. Er hat diesen über sieben Jahrzehnte aufbewahrt. Bei der Räumung des Estrichs hat dessen Schwiegersohn Anton Scherrer, pensionierter Primarlehrer aus Dietschwil, den Sextanten gefunden und ihn der politischen Gemeinde als Geschenk überreicht.
 

Rund hundert Ortschaften waren in Mitleidenschaft gezogen

«Von 1940 bis 1945 sind rund hundert Ortschaften und Gemeindegebiete der Schweiz bombardiert oder mit Bordwaffen beschossen worden», schreibt Emil Huber im Toggenburger Heimat-Kalender des Jahres 1947. Abgeworfen wurden damals 950 Sprengbomben sowie 4000 Brandbomben. Gesamtgewicht: 175 Tonnen. 84 Menschen fielen diesen Bombardierungen zum Opfer. 70 Menschen erlitten schwere, mehrere hundert leichte Verletzungen. Schlimmstes Ereignis war jenes am 1. April 1944, als amerikanische Bombengeschwader Schaffhausen mit einem Bombenteppich eindeckten, der 37 Menschen das Leben kostete. Der Irrtum, die Amerikaner glaubten sich über deutschem Gebiet, richtete Schäden im Wert von 40 Millionen Franken an. Zum Vergleich: Über Nazi-Deutschland gingen im gleichen Zeitraum Bomben nieder, die ein Gesamtgewicht von 2,7 Millionen Tonnen aufwiesen. 
Bildergalerie: Die sechs Flugzeugabstürze und Notlandungen im Toggenburg

Im Toggenburg ereigneten sich während des zweiten Weltkriegs sechs Flugzeugabstürze und Notlandungen.

Fünf Jahre mit dem Fliegeralarm gelebt

Der erste Fliegeralarm erfolgte am 15. August 1940, der letzte knapp fünf Jahre später am 7. Mai 1945. Es war jener Tag, an dem Generaloberst Jodl die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterschrieb. Vorbei war die Zeit, in denen vor allem in den grenznahen Schweizer Städten fast täglich das Sirenengeheul zu hören war. Spitzenreiter in dieser Statistik ist Schaffhausen mit 544 Alarmen. Dahinter folgen Basel (530), Olten (495) und Zürich (407). In St. Gallen wurde die Bevölkerung 347 mal auf sich in der Nähe befindliche Bomber aufmerksam gemacht. Aber auch andere Städte wie Lausanne (399), Bern (333), Genf (258) oder Luzern (286) waren betroffen. Unter den ausländischen Kriegsflugzeugen, welche die Schweiz überflogen, gehören die amerikanischen Grossbomber zu den bekanntesten. Vor Abstürzen solcher «fliegenden Festungen» blieben auch das Toggenburg und die angrenzenden Regionen nicht verschont. 


Sechs Abstürze und Notlandungen im Toggenburg

Das erste Drama dieser Art ereignete sich am 13. August 1943, als ein amerikanischer Grossbomber nachmittags um 16 Uhr in der Thurau bei Wil zur Notlandung ansetzen musste. Der «Liberator II» entstiegen zehn amerikanische Besatzungsmitglieder, darunter vier Offiziere. Alle waren hocherfreut, als sie vernahmen, dass sie sich in der neutralen Schweiz befanden. 

1944 sollte aus Toggenburger Sicht das Ereignisreichste in puncto Flugzeugabstürzen werden. Am 25. Februar versetzte eine 200 Meter hohe Stichflamme die Bewohner der Weiler Bruberg und Lamperswil (Gemeinde Kirchberg) in Angst und Schrecken. Wenige hundert Meter neben den Wohnhäusern stürzte am frühen Nachmittag ein B-24 Bomber ab, der Stunden zuvor an der Bombardierung im deutschen Regensburg beteiligt gewesen war. Gestartet war er im italienischen Brindisi. Die acht Besatzungsmitglieder blieben unverletzt – sie hatten sich mit dem Fallschirm in der Nähe von Zuzwil gerettet. Der Pilot kam genauso unbeschadet davon. Kurz nach dem Absturz der Maschine landete er mit dem Fallschirm in der Nähe der Absturzstelle. 

Video: Flugzeugabstürze im Toggenburg - Wer hat Informationen?

Wer kennt Zeitzeugen oder hat Informationen zu den Flugzeugabstürzen und Notlandungen im Toggenburg während des Zweiten Weltkriegs? (Toggenburger Tagblatt)

Glück hatten die Bewohner von Wildhaus am 16. März. Eine «Boeing 17 Flying Fortress» zerschellte links an der Strasse Wildhaus-Schönenboden, rund 400 Meter hinter der katholischen Kirche. Die Absturzstelle bot ein Bild der Verwüstung. Erschwerend kam hinzu, dass Explosionen der Bordmunition eine Annäherung an das Trümmerfeld zu Beginn verhinderten. Die Besatzung konnte sich durch das frühzeitige Verlassen der Maschine mittels Fallschirm retten. Allerdings landeten nicht alle innerhalb der Schweizer Landesgrenze. Das Schicksal jener, die auf feindlichem Gebiet landeten, blieb vielfach ungewiss.

Zwei Tage später, am 18. März, war erneut die Gemeinde Kirchberg von einem Absturz betroffen. Eine «B-24 Liberator-Maschine» verfehlte in Dietschwil das Haus der Familie Bosshard nur ganz knapp und stürzte rund hundert Meter hinter dem Anwesen auf die schneebedeckte Erde. Der Rumpf der Maschine war durch den Aufprall auseinandergebrochen, ansonsten blieb sie aber mehr oder weniger intakt. Die gesamte Mannschaft hatte sich kurz zuvor über Wil mit dem Fallschirm in Sicherheit gebracht.

Knapp sechs Wochen später (28. April) war es eine Avro Lancaster, die auf der Alp Gräppelen in Obertoggenburg abstürzte. Am 27. Mai 1944 war das Toggenburg erneut im Blickfeld. Im Winzenberg oberhalb von Lütisburg, es war um die Mittagszeit, stürzte ein amerikanisches Jagdflugzeug des Typs «North American P-51 Mustang» ab. Die Maschine bohrte sich nur sechs Meter neben dem Restaurant Landhaus in den Boden. Der Pilot, einziger Insasse der Maschine, schwebte mit dem Fallschirm zu Boden und erlitt bei der Landung im «Hammertobel» einen Beinbruch und wurde ins Spital nach Wattwil überführt. Er war um drei Uhr in der Nacht in England gestartet und seit mehr als neun Stunden in der Luft. Für einen Einzelflieger für damalige Verhältnisse eine beachtliche Leistung. 

Weitere Besuche fremder Flieger waren an der Tagesordnung, mit Ausnahme der vorgängig beschriebenen blieb das Toggenburg von weiteren Abstürzen allerdings verschont. In den sechs Kriegsjahren kam es zu insgesamt 6501 Luftraumverletzungen. Diese setzen sich aus 879 Achsenflugzeugen, 604 alliierten Maschinen und 5018 Flugzeugen nicht festgestellter Nationalitäten zusammen.
 

Weitere Relikte gesucht

Nebst des im Text erwähnten Sextanten, ist die Gemeinde Kirchberg auf der Suche nach weiteren Relikten der Kriegsjahre. Die Bevölkerung ist deshalb aufgerufen, Gegenstände der Gemeinde auf Leihbasis für eine allfällige Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Im Weiteren plant der Historiker und Autor Daniel Egger sein zweites Buchprojekt «Fremde Flugzeuge in der Schweiz 1939 – 1945». Darin sollen Details zu den Notlandungen und Flugzeugabstürzen beschrieben werden. Auch er ist an Zeitzeugenberichten und Relikten der damaligen Zeit interessiert. Sein erstes Buch «Fremde Flugzeuge in der Ostschweiz 1939 – 1945» ist bereits erschienen und vergriffen. (pd)

www.warbird.ch / Daniel Egger, Ringstrasse 43, 9443 Widnau, dani@warbird.ch, Telefon 079 246 22 73

www.kirchberg.ch / gemeinde@kirchberg.ch, 071 932 35 35

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