PRO UND CONTRA

Die Essens-Debatte: Veganer Trend gegen Fleischkult

In St.Gallen ist der erste vegane Laden eröffnet worden - nicht ohne Nebengeräusche. Eine Demonstration von Fleischliebhabern war angekündigt, demonstriert haben schlussendlich Tierrechtsaktivisten. Doch isst überhaupt jemand vegan? - Ein Pro und Contra.
11.01.2018 | 16:03
PRO: "Tiere töten gehört auf den Friedhof der Geschichte"
(Adrian Lemmenmeier, Redaktor)

Natürlich ist es lecker: So ein frisch grilliertes Entrecôte, das durch zerlassene Kräuterbutter hindurchschimmert. Aussen knusprig, innen blutig, vom Grillrost mit lieblichen Querstreifen verziert. Aber der gute Geschmack von Fleisch ist das einzige Argument, um es zu essen. Denn der Fleischverzehr ist längst nicht mehr zeitgemäss. Er gehört auf den Friedhof der Geschichte, genau wie die Guillotine. 
 
Es gibt heute keinen Grund mehr, Tiere auszunutzen und zu töten. Wir könnten uns problemlos vegan ernähren; Pflanzen bieten alle nötigen Nährstoffe dazu. Und sollte es doch zu einem Mangel kommen, können wir Stoffe wie das viel erwähnte Vitamin B12 in Tabletten zu uns nehmen. Überhaupt kein Problem. Auch sind wir längst nicht mehr auf Felle, Leder oder Schafwolle angewiesen. Warme Pullis lassen sich auch aus Baumwolle oder künstlichen Fasern stricken.
 
Wieso also schlachten wir jedes Jahr weltweit gut 65 Milliarden Landtiere? Richtig, 65 Milliarden Rinder, Schafe, Schweine, Ziegen, Pferde landen jedes Jahr auf Tellern, zwischen Brotscheiben oder im Dürüm. Weshalb? Die Antwort ist einfach: Weil wir zu faul sind, unsere Gewohnheiten zu ändern. Und weil es uns die industrielle Fleischproduktion leicht macht. Denn die Arbeitsteilung trennt das Marinieren vom Morden. Dem Rind, dessen Mark wir gerade schlürfen, mussten wir nie in die Augen schauen. Und wer würde schon Schweinebraten bestellen, wenn er oder sie den Bolzen selber ansetzen müsste?
 
Klar, für unsere Vorfahren war es sinnvoll, Tiere zu halten. Denn die sieben Mägen einer Kuh verwandeln trockenes Heu in nährreiche Milch und saftiges Fleisch. Wie die perfekte Fabrik. Aber das ist die Optik eines Jungsteinzeitmenschen. In einer industriellen Gesellschaft ist die Logik eine andere: Fleisch zu produzieren braucht – auf dieselbe Anzahl Kalorien gerechnet – mehr Fläche, mehr Wasser und mehr Energie als der Anbau von Pflanzen. Wurst zu essen, ist deshalb eine schrecklich ineffiziente Art, Nährstoffe aus dem Boden in unsere Bäuche zu befördern. 
 
Und obendrein ist es ungesund: Die WHO hat verarbeitetes Fleisch 2016 den krebserregenden Stoffen der Kategorie 1 zugeteilt. Dort findet man auch Plutonium und Formaldehyd. Das ist die Flüssigkeit, in die man tote Tiere einlegt – nicht, um sie zu essen.


CONTRA: "Niemand ernährt sich vegan, aber alle reden davon"
(Roger Berhalter, Redaktor)

Veganer sind auch nur Menschen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand auf tierische Produkte verzichtet, im Gegenteil: Die Welt wäre eine bessere ohne Massentierhaltung. Allerdings ist der vegane Lebensstil heute omnipräsent, er wird schon fast verherrlicht. Dabei geht vergessen, dass es sich um eine Nische handelt. Plakativ gesagt: Niemand ernährt sich vegan, aber alle reden davon. 

Hält man sich an die Fakten, sind die Verhältnisse klar: Nur drei Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ernähren sich gemäss einer repräsentativen Umfrage vegan. Zählt man noch jene ab, die ab und zu eine Ausnahme machen, also manchmal doch tierische Produkte konsumieren, sind es noch die Hälfte: 1,5 Prozent der Schweizer essen tatsächlich vegan – sie erhalten aber 98,5 Prozent der Aufmerksamkeit, wenn über moralisch korrektes Essverhalten diskutiert wird. 

Das führt zu einem verzerrten Bild: Liest man aktuelle Kochheftli und Food-Blogs, bekommt man den Eindruck, dass sich mittlerweile die halbe Schweiz vegan ernährt. Vor lauter veganen Weihnachtsguezli-Rezepten findet man kaum noch eine Anleitung, wie man einen klassischen Zimtstern backt. Es wimmelt von veganen und auf fleischlos getrimmten Gerichten. Wenn schon eine Wurst, dann soll sie bitteschön aus Soja sein. Wer zu Hause noch ein Plätzli in der Pfanne brät, fühlt sich schon als Ewiggestriger. Auch jedes zweite Restaurant in der Stadt führt mittlerweile ein veganes Menu im Angebot. Der Churros-Stand an der Olma preist seine feinen, fettigen Erzeugnisse mit «vegan» an. Vegan ist in. So, wie es heute im Trend ist, Chia-Samen aus Bolivien zu importieren, obwohl man genau so gut Schweizer Leinsamen ins Müesli kippen könnte. Meist geht es bei diesen Food-Trends weniger ums Essen, sondern vielmehr ums Geld. Chia kann man teurer verkaufen als Leinsamen. Auch die Marge eines veganen Gerichts ist deutlich höher als jene für Schnitzel und Pommes frites. Vegan rentiert. 

Nur weil ein fleisch- und tierloser Lebensstil im Moment so laut propagiert wird, sollte man sich die Milch vom Bauern nebenan nicht verbieten lassen. Ebenso wenig das Biorind aus Schweizer Weidehaltung. Und es gibt noch mehr, was man weiterhin mit gutem Gewissen essen kann. Den Rummel ums Vegane kann man dabei getrost ignorieren.
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