LEITARTIKEL

Das zweifelhafte Kalkül des Toni Brunner

Am 4.März stimmen die St.Galler über die Sanierung des Theaters in der Kantonshauptstadt ab. Alle Parteien - bis auf die SVP - sind für die Vorlage. Das Kalkül hinter dieser oppositionellen Inszenierung der SVP sei zweifelhaft, schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel. Toni Brunner bewirtschafte den Stadt-Land-Konflikt.
13.01.2018 | 00:00
48,6 Millionen Franken. So viel Geld kostet die St.Gallerinnen und St.Galler die Sanierung ihres in die Jahre gekommenen Theaters in der Kantonshauptstadt, wenn sie der Vorlage am 4.März zustimmen. Müsste das marode Haus neu gebaut werden, käme dies massiv teurer. Gerechnet werden müsste mit dem Dreifachen der Sanierungskosten. Die veranschlagte Summe ist auch im Vergleich zu Theatersanierungen in anderen Städten kein Grund für Schwindelgefühle. Bern gab 45 Millionen aus, Basel 74 Millionen für ein leicht grösseres Theater.

Die Sanierung ist nicht nur finanziell vernünftig aufgegleist, auf unnötigen Schnickschnack wurde konsequent verzichtet. Sie ist auch materiell weitgehend unbestritten. Namentlich der Künstlerbereich hinter der Bühne befindet sich in einem desolaten Zustand. Das Dreispartenhaus geniesst einen exzellenten Ruf, unter anderem dank der Musical-Produktionen. Nicht umsonst haben sich schon Broadway-Komponisten entschieden, ein Stück in St.Gallen zur Uraufführung zu bringen – und nicht in Berlin oder London. Die konstant hohe Auslastung ist ein Indiz dafür, dass weit über die unmittelbare Region hinaus Interessierte nach St.Gallen kommen. Das Theater ist ein kultureller Kristallisationspunkt für eine ganze Region, für jede Altersklasse, für die verschiedensten sozialen Schichten. Es verleiht unserem Landesteil einen Hauch Glamour. Darauf darf die ganze Ostschweiz stolz sein. Es wäre ein Hohn, einen solchen künstlerischen Leuchtturm mutwillig vergammeln zu lassen.

Das St.Galler Stadttheater ist in die Jahre gekommen - es muss für einen Millionenbetrag saniert werden.
Das St.Galler Stadttheater ist in die Jahre gekommen - es muss für einen Millionenbetrag saniert werden. (GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Die einzige Partei, die gegen die Sanierung ein Theater aufführt, ist die SVP. Widerstand in demokratischen Debatten ist natürlich legitim, ja zwingend nötig, darum geht es nicht. Doch das Kalkül hinter der oppositionellen Inszenierung ist zweifelhaft. Es trägt die Handschrift des Toni Brunner, der von seinem Adlerhorst auf dem Hemberg herab die Interessengegensätze zwischen Stadt und Land zu bewirtschaften versucht.

Warum sollen das Toggenburg, das Linthgebiet oder das Sarganserland dieser Millioneninvestition in der Hauptstadt zustimmen, fragte Brunner in einem Interview mit dieser Zeitung. Der mit allen Wassern gewaschene Politfuchs bespielt mit solchen Argumenten nicht nur die klassische Bühne des Stadt-Land-Konflikts und des vermeintlichen Grabens zwischen etablierter, hoher Kultur und der sogenannten Volkskultur. Er macht sich auch die spezielle Geografie des Ringkantons St.Gallen zunutze. Tatsächlich besuchen wohl viele Sarganserländer eher das Theater in Chur als jenes in St.Gallen. Das Linthgebiet ist kulturell nach Zürich orientiert. Im Toggenburg wiederum herrscht nach dem Aus des Klanghauses und den von der Kantonsregierung verweigerten Sesselbahn-Millionen so oder so eine latente Anti-St.Gallen-Stimmung. Ist Brunner einmal mehr ein Schlaumeier, der den richtigen Riecher für die Stimmung im Volk hat?
 

Ein gewisser Teil des Stimmvolks dürfte der SVP-Argumentation folgen. Es gibt sie immer, die Bürgerinnen und Bürger, die jede staatliche Ausgabe ablehnen, von der sie nicht unmittelbar profitieren. Doch diese Sorte Zeitgenossen ist zum Glück nicht in der Mehrheit. Brunner und seine Parteifreunde unterschätzen zwei Aspekte: Einerseits gibt es auch auf dem Land eine stattliche Anzahl Leute, die das Theater St.Gallen ab und an besuchen oder dessen Produktionen zumindest wohlwollend gegenüberstehen. Andererseits sind in den ländlichen Regionen viele Bürger nicht so kurzsichtig, um den Schalmeienklängen kurzfristiger Anti-Stadt-Politik zu erliegen. Auch die Toggenburger wissen: Wenn wir gegen die Zentren stimmen, dann kommt irgendwann die Retourkutsche.

Der Stadt-Land-Konflikt existiert. Mit den sich akzentuierenden Mitte-links-Mehrheiten in den Städten dürfte sich der Gegensatz zum bürgerlich-konservativen Umfeld tendenziell verschärfen. Dennoch sind die Ostschweizer Pragmatiker genug, um zu wissen, dass letztlich nur Ausgleich und gegenseitiger Respekt zu einem Mehrwert für alle führt. St.Gallen und die Ostschweiz insgesamt kommen nur vorwärts, wenn die verschiedenen Regionen miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Es wäre eine Überraschung, sollte Brunner mit seinem parteipolitisch motivierten Theater viel Applaus ausserhalb seiner Klientel einheimsen.

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