STRAFANSTALT GMÜNDEN

Therapie, Drogentests und Bewährungshilfe: das Leben im Gefängnis

Mit 18 wollte Gian-Luca P. jemanden umbringen. Wegen versuchter Tötung wurde er zu 54 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, Ende Januar wird er vorzeitig entlassen. Er träumt von Familie und einer Zukunft als DJ.
14.01.2018 | 05:17

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Ursula Wegstein

Seine Zelle misst knapp 10 Quadratmeter. Vor dem Fenster Gitterstäbe. Ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl. Auf dem Tisch liegt Tabak herum und Papier für Zigaretten. Eine Packung mit Guetzli erinnert daran, dass kürzlich erst Weihnachten war. An der Wand hängen Liebesbeweise und Fotos von der Freundin und der Familie.

Der Tagesablauf in der Strafanstalt Gmünden ist fix: Um 5.45 Uhr wird Gian-Luca P.s Zelle aufgesperrt. Aufstehen, ein kurzes Frühstück, bevor er in die Küche zum Arbeiten geht: Schälen, Rüsten, Mithelfen beim Kochen. «Das macht Spass. Es schmeckt mir auch gut», erzählt der junge Mann mit tiefer Stimme. Er spricht leise, wirkt beherrscht und zurückhaltend. Ernst vielleicht.

Ein Häftling telefoniert.
Ein Häftling telefoniert. (Michel Canonica)

Um 15 Uhr beginnt seine Freizeit. Bis auch die anderen Häftlinge von ihrer Arbeit zurückkommen, geht der 23-Jährige meistens in den Fitnessraum oder zum Telefonieren. Statt Smartphone gibt es eine Telefonkabine. Dort darf er Freunde, die Familie oder die Freundin anrufen, die er vor eineinhalb Jahren während seiner Inhaftierung über Facebook kennengelernt hat. Als das Gespräch auf seine Freundin fällt, hellen sich seine Gesichtszüge auf, er fängt an zu lachen. Wirkt entspannter.

Wenn die anderen auch mit ihrer Arbeit fertig sind, sitzen sie zusammen, spielen Poker oder ein anderes Spiel. Im offenen Vollzug darf man sich frei bewegen. Auch im Aussenbereich. Fernsehen und Musik sind erlaubt. Jedes zweite Wochenende gibt es Ausgang. Ausserdem Anspruch auf Hafturlaub.
 

Drei Türen versperren den Weg

Zunächst im geschlossenen Vollzug in der Strafanstalt Saxerriet inhaftiert, wurde Gian-Luca P. vor rund zehn Monaten nach Gmünden verlegt. Geschlossener Vollzug ist für Häftlinge mit grossen Drogenproblemen, psychischen Erkrankungen oder bei Gemeingefährlichkeit vorgesehen. Drei verschlossene Türen versperren den Weg ins nächste Gebäude.

Ein Mitarbeiter der Strafanstalt Gmünden schliesst eine Tor auf.
Ein Mitarbeiter der Strafanstalt Gmünden schliesst eine Tor auf. (Benjamin Manser)

Im vergangenen Oktober stellte Gian-Luca P. ein erstes Gesuch auf vorzeitige Entlassung. «Grundsätzlich hat jeder Häftling das Recht, ein solches Gesuch zu stellen», sagt Susan Bremgartner, Leiterin Sozialdienst der Strafanstalt Gmünden. Das Gesuch wurde abgelehnt, da Gian-Luca P. im Ausgang nachweislich harte Drogen konsumiert hatte.

Das zweite Gesuch wurde auf den 31. Januar unter Auflagen gewährt. Gian-Luca P. hat eine Arbeitsstelle bei einem Räumungsunternehmen gefunden, kann eine Wohnmöglichkeit bei seiner Freundin und einen Therapieplatz nachweisen. Die Therapie, regelmässige Urinproben und Bewährungshilfe sind die Bedingungen für seine vorzeitige Entlassung. Die Freiheitsstrafe von 54 Monaten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung verringert sich so für Gian-Luca P. um 14 Monate und 20 Tage.

Auf die Frage, was ihn im Gefängnis jeden Morgen motiviere, aufzustehen, seufzt er und überlegt. «Indem ich an meine Freundin denke und weiss, dass sie draussen auf mich wartet. Dass alles für mich parat ist, wenn ich hier rauskomme.»

Bett, Tisch, Schrank: Die Einrichtung ist spärlich.
Bett, Tisch, Schrank: Die Einrichtung ist spärlich. (Benjamin Manser)

Besondere Freude bereitet ihm, wenn er mit seinem Laptop die eigene Musik produzieren und einen neuen Track fertigstellen kann. Minimal Techno. «Eher härtere Musik», wie er es nennt. Was er am meisten vermisst? «Die Freiheit», sagt Gian-Luca P., ohne zu überlegen. Und die Selbstbestimmtheit. Allein über das eigene Tun oder Lassen entscheiden zu können.

Dass das Risiko besteht, wieder zum Straftäter zu werden, ist dem jungen Mann, der sehr offen über alles spricht, durchaus bewusst. «Vor dem kann man immer Angst haben. Man kann nie sagen, das Leben läuft jetzt pro­blemlos weiter, wenn man schon einmal hier drin gewesen ist. Ich bin aber positiv eingestellt.»
 

Ausbildung in der Pflege, Karriere in der DJ-Szene

Der junge Häftling glaubt fest daran, dem Leben draussen in Freiheit gewachsen zu sein. Dass er die Zeit in Gmünden durchgehalten habe, gebe ihm Kraft. «Ich habe hier viel reflektiert.» Wenn Gian-Luca P. rauskommt, wartet draussen seine Familie auf ihn. Mit dieser und seinen Freunden will er als Erstes in einem Restaurant essen gehen, um seine Freiheit zu feiern. Dann anfangen zu arbeiten. Eine kleine Reise mit der Freundin nach Barcelona ist auch schon geplant. Einmal in die Grossstadt, dort gefällt es ihm.

Später möchte er eine Ausbildung im Pflegebereich machen. «Etwas mit beeinträchtigten Menschen.» Und zurück in die DJ-Szene, in der er viele Kontakte hat. Irgendwann eine Familie gründen. Angst vor Vorbehalten hat er nicht. Doch ihm ist bewusst, dass nicht jeder sagen wird: «Komm doch zu mir!»

Die Strafanstalt Gmünden befindet sich in Niederteufen. Der heutige Bau steht dort seit 1963 und wurde von 1994 bis 1998 erweitert und renoviert.
Die Strafanstalt Gmünden befindet sich in Niederteufen. Der heutige Bau steht dort seit 1963 und wurde von 1994 bis 1998 erweitert und renoviert. (Benjamin Manser)

Durch die Gitterstäbe ist an diesem Januartag in der Ferne der schneebedeckte Säntis auszumachen. Um 22 Uhr wird abgesperrt. Bei Gian-Luca P. noch genau 17-mal.
 

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