INTERSEX

"Ich hatte Hoden im Bauchraum und einen Mikropenis"

Daniela Truffer wurde als Zwitter geboren. Schon als Säugling wurde sie erstmals operiert - die Ärzte machten ein Mädchen aus ihr. Sie spricht von Genitalverstümmelung - und leidet bis heute unter Symptomen, die auch Missbrauchsopfer zeigen.
14.01.2018 | 10:51

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper
 

Interview: Odilia Hiller

Daniela Truffer, Sie exponieren sich seit zehn Jahren als Intersex-Betroffene in der Öffentlichkeit und sprechen über ein Tabuthema, das Sie selber auf intime Weise betrifft. Fällt Ihnen das leicht?
Nein, es fällt mir sehr schwer. Ich bin vor jedem Interview oder Auftritt extrem nervös und schlafe die Nächte davor sehr schlecht. Ich nehme auch nur an ausgewählten Anlässen teil. Im Falle der Veranstaltung in Buchs von kommender Woche (siehe unten) mache ich sogar eine Ausnahme. Denn normalerweise trete ich nicht gleichzeitig mit Transgender-Menschen auf. Sonst entsteht in der Öffentlichkeit nur der Eindruck, es gehe bei Intersex um eine Frage der Geschlechtsidentität. Dabei trifft das unser Problem überhaupt nicht. Wir kämpfen gegen medizinische Genitalverstümmelungen, wie sie auch an mir vorgenommen wurden. Das betrifft Transgender überhaupt nicht.

Wer Ihre Webseite Zwischengeschlecht.org liest, trifft auf schockierende Berichte. Es geht im Kern um den Unwillen von Medizinern und Gesellschaft, Kinder mit uneindeu­tigen Geschlechtsmerkmalen aufwachsen zu lassen, wie sie sind.
Wir fordern ganz einfach, dass mit nicht überlebensnotwendigen Operationen an den Geschlechtsorganen zugewartet wird, bis die Betroffenen einbezogen und informiert werden und selber entscheiden können, ob sie Operationen möchten – oder auch nicht. Es braucht ein gesetzliches Verbot. Noch viel zu oft werden an Schweizer Spitälern ohne Not kosmetische Genitaloperationen vorgenommen. Sei es, weil Ärzte mit dem Argument "Ihr Kind wird sonst gehänselt" darauf drängen oder weil Eltern nicht damit umgehen können, dass ihr Kind ein uneindeutiges Genital hat.

Die Schweiz ist das Land, welches ­ in Bezug auf schädliche Praktiken von UN-Organen weltweit am meisten gerügt wird – unter anderem vom UNO-Ausschuss gegen Folter.
Ja, die Schweiz hat wegen der Praxis der Genitalverstümmelung von Intersex-Menschen seit 2015 von der UNO vier Rügen eingefahren: vom Folterausschuss, vom Ausschuss für Kinderrechte, vom Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau und vom Menschenrechtsausschuss. Dies wurde dank unseren Schattenberichten möglich, die wir als Nichtregierungsorganisation an die UNO richten können. Doch was hat es bisher genützt? Nichts. Es wird munter weiteroperiert und einfach behauptet, es sei bei uns diesbezüglich alles in bester Ordnung.

Der Bundesrat, speziell Justizmi­nisterin Simonetta Sommaruga, will sich doch aber für Ihre Rechte einsetzen?
Was Simonetta Sommaruga will, ist die Einführung eines dritten Geschlechts. Doch ein Kreuzlein im Pass, das mir sagt, dass ich weder Frau noch Mann bin, nützt mir nichts. Ich würde das auch nie wollen. Denn in meinem Fall haben die Ärzte nach meiner Geburt entschieden, dass ich ein Mädchen sein soll. Punkt. Mittels diverser Operationen und Hormone wurde ich das dann auch. Ohne meine Einwilligung oder jene meiner Eltern. Ich leide wie gesagt nicht darunter, als Frau zu leben. Ich prangere aber an, dass ich nicht gefragt wurde. Mit den heutigen medizinischen Möglichkeiten würde aus mir sogar höchstwahrscheinlich ein Bub gemacht. Ich hatte ja Hoden im Bauchraum und einen sogenannten Mikropenis. Es gibt Chirurgen, die würden heute bestimmt liebend gerne einen Penis daraus bauen.

Wären Sie denn lieber ein Bub geworden?
Das weiss ich doch nicht. Mich beschäftigte eher die Frage, was sie mir als Nächstes abschneiden. Und gesprochen wurde darüber nie. Weder in meiner Familie noch mit den Ärzten. Ich weiss nur, dass man mir die Geschlechtsorgane einmal nach der Geburt, einmal mit sieben Jahren und ein weiteres Mal mit 18 chirurgisch verstümmelte. Es ging wahlweise um die Entfernung der Hoden, die Kürzung des Mikropenis und später um den Aufbau einer Vagina. Mit 18 wurde mir gesagt, dass ich das machen muss, weil später die IV nicht mehr zahlt. Da ich mit dem Gefühl aufgewachsen war, dass mit mir sowieso etwas nicht stimmt, habe ich mich selbstverständlich geschämt und versteckt – und mich nicht dagegen gewehrt. Ich sah auch immer, wie meine Mutter unter der Situation litt, und habe versucht, es für sie nicht noch schwerer zu machen.

Wurden Sie als Kind jemals psychologisch betreut?
Nein, natürlich nicht. Es durfte ja niemand wissen, was zwischen meinen Beinen falsch war. Ich habe erst mit 35, als ich faktisch so weit war, mich umbringen zu wollen, eine Psychoanalyse begonnen. Die ich übrigens zu einem Drittel selber berappen musste. Sie hat zehn Jahre gedauert. Das ist ein weiterer Missstand, den wir anprangern. Während IGM-Praktiken, also Intersex-Genitalverstümmelungen, weiterhin von der IV berappt werden, ist die psychosoziale Begleitung betroffener Familien von der Sozialversicherung nach wie vor nicht gedeckt.

Sie klingen aufgebracht, wenn Sie darüber sprechen.
Ja, es ist frustrierend, dass nichts geht. Unser Kampf dauert schon zu lange. Es macht mit den Jahren auch müde. Solange Intersex aber ein gesellschaftliches Tabu bleibt, wird sich nichts ändern.
 

Die Intersex-Betroffene Daniela Truffer hat zusammen mit ihrem Partner Markus Bauer die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org gegründet.
Die Intersex-Betroffene Daniela Truffer hat zusammen mit ihrem Partner Markus Bauer die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org gegründet. (Michel Canonica)


Hat Ihnen die psychologische Behandlung geholfen?
Ja, ich wäre sonst wohl nicht mehr hier. Doch mit vielen Symptomen, die mich plagten, kämpfe ich weiterhin. Und durch die Kastration sowie die jahrelange Einnahme künstlicher Hormone ist mein Gesamtzustand sehr fragil. Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen gehören für mich seit der Pubertät zum Alltag. Ich kaue meine Nägel bis auf das Nagelbett runter, seit ich sieben war – also faktisch seit der zweiten Operation. Die Erinnerungen an diese habe ich aber alle verdrängt. Was ich aus den Spitalakten weiss: Ich wurde nach der Operation tagelang festgebunden, damit ich mir nicht ans Geschlecht greife. Traumatisch waren auch die unzähligen Genitaluntersuchungen. Immer wieder wurde mir als Kind zwischen die Beine gegriffen, Finger wurden in mich reingesteckt, um zu schauen, wie weit das geht – und alle blickten mir ständig aufs Geschlecht, wenn ich nackt da lag.

Was haben Sie heute für ein Verhältnis zu Ihrem Körper?
Kein gutes. Mein Körper ist mir fremd. Ich habe das "Problem" schon früh mittels Dissoziation gelöst. Das heisst, ich habe mich von meinem Körper abgetrennt, ihn innerlich verlassen. Das ist eigentlich bis heute so. Ich habe keinen richtigen Bezug zu meinem Körper. Die ganze Geschichte hatte überdies zur Folge, dass ich wegen meines chronischen Spitaltraumas oft Kontrollen meines angeborenen schweren Herzfehlers umging. Alles, was mit Spital zu tun hat, jagt mir eine Heidenangst ein. Das ging so weit, dass ich vor einem Jahr wegen meines Herzrasens fast notfallmässig eingeliefert werden musste. Ich tue also viel, um meinen Körper zu ignorieren.

Das ist sehr typisch für Missbrauchs- und Traumaopfer.
Ja, deshalb fordern wir ja auch eine ­Anerkennung des Unrechts, das Intersex-Menschen in den vergangenen Jahrzehnten in Schweizer Spitälern angetan wurde. Und eine Entschädigung der für die meisten Betroffenen sehr kostspieligen und langwierigen physischen und psychischen Rehabilitation.

Stimmt es, dass heute fast keine Zwitter mehr zur Welt kommen, weil sie abgetrieben werden?
Das ist richtig. Auch ich würde heute vielleicht abgetrieben, denn ich hatte eine schwere Form von Hypospadie. Der Harnröhrenausgang war bei mir nicht an der Penisspitze, was man heute im Ultraschall sehen könnte. Vor allem Intersex-Formen mit abweichender Chromosomenzahl können in der Schwangerschaft früh festgestellt werden. Dann wird den Müttern fast flächendeckend zur Abtreibung geraten. Fest steht, dass die Schweiz bei solchen Schwangerschaftsabbrüchen wegen uneindeutiger Geschlechtsmerkmale weltweit einen Spitzenplatz belegt.


Der Wunsch nach dem "perfekten" Kind wird mit steigenden medizi­nischen Möglichkeiten grösser. War früher für Zwitter alles besser?
Man muss differenzieren. Die früher üblichen Kindstötungen darf man nicht wegdiskutieren. Doch Hermaphroditen waren beispielsweise im Mittelalter gesellschaftlich anerkannt und mehr oder weniger integriert. Die Tabuisierung und die medizinische Auslöschung begannen erst mit der Aufklärung.

Zur Person

Die in Zürich wohnhafte Intersex-Betroffene Daniela Truffer ist 52 Jahre alt. Zusammen mit ihrem Partner Markus Bauer hat sie vor zehn Jahren die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org gegründet. Die Gruppe kämpft für eine Gesetzgebung, die Menschen schützt, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden. Am kommenden Donnerstag, 18. Januar, um 18 Uhr stellt sich Truffer im Berufs- und Weiterbildungszentrum Buchs im Rahmen der Präsidialreihe "Was macht das Fremde mit mir?" den Fragen des St.Galler Regierungspräsidenten Fredy Fässler. (oh)

Weitere Artikel