STEAK STATT FONDUE

Eine Anleitung zum Grillieren im Winter

Was gefällt und gut ist, wird zunehmend das ganze Jahr über gemacht. Wenn auch noch zaghaft, gehört auch das Grillieren dazu. So abwegig ist das offenbar gar nicht.
14.01.2018 | 11:53

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Hans Graber

Vereinfacht gesagt lässt sich das Jahr genau hälftig teilen. Von Oktober bis März gibt es heissen Käse, von April bis September grilliertes Fleisch. Natürlich gibt es Abweichler, aber grosso modo gilt in der Deutschschweiz diese Faustregel: In der kälteren Jahreszeit versammelt man sich ums Fondue-Caquelon oder das Raclette-Rechaud, in der wärmeren um den Grill. Möglicherweise sind diese Rituale ein Überbleibsel aus Vorzeiten, als Neandertalerstämme um ein Lagerfeuer her­umhockten.

Weshalb es aber die recht strikte Trennung gibt zwischen Heisskäse- und Grillsaison, wirft Fragen auf. An nur saisonal erhältlichen Lebensmitteln kann es nicht liegen. Alles ist ganzjährig verfügbar. Mehr ins Gewicht fallen dürften äussere Bedingungen. Grilliert wird draussen. Bei klirrender Kälte ist das nicht unbedingt ein Vergnügen – aber so klirrend kalt ist es im Winter ja häufig dann doch nicht. Doch wenn es im Advent 20 Grad und damit fast schon klassisches Grillwetter ist, kommt ein weiteres Problem hinzu: Die sperrigen Gerätschaften sind gut verstaut, irgendwo im Keller, und sie jetzt für dieses eine Mal auszugraben, ist allzu beschwerlich.

Ähnlich verhält es sich wohl mit dem Fondue- und Raclettegeschirr. Das nimmt im ohnehin überladenen Küchenschrank viel Raum ein, und da ist man froh, wenn man den Utensilien dort nur saisonal eine Aufenthaltsbewilligung erteilen muss.
 

Noch kein Flächenbrand

Und doch. Es gibt anscheinend eine Tendenz zum ganzjährigen Grillieren. Von einem Flächenbrand zu reden, wäre übertrieben: Sowohl Coop wie Migros teilen auf Anfrage mit, dass in ihren Hobbymärkten und grösseren Supermärkten immer Holzkohle angeboten werde. Der Absatz im Winter sei aber vergleichsweise sehr bescheiden.

Andererseits bietet etwa die Firma Weber-Stephen, unter anderem Herstellerin der berühmten Weber-Kugelgrills, fleissig Wintergrill-Kurse an, unter dem etwas hochtrabenden Namen Grill-Akademie. Wobei, stimmt ja schon, nicht wenige machen beim Grillieren den Doktor.

Anzunehmen ist aber, dass es Weber-Stephen gar nicht so sehr ums Grillieren im Winter geht, sondern mehr um den Absatz seiner Produkte, samt Zubehör, von Zangen bis Zündwürfel. Je mehr sie verwendet werden, um so eher braucht es wieder Ersatz.

Fragen wir doch nach bei Hobby-Grillierern, wie sie es halten mit dem Winter. Ist das wirklich ein Boom? Eine gute Adresse scheinen uns die «Grillfründe» aus Mellingen AG, die im letzten September in Bern an der Schweizer Grillmeisterschaft, Kategorie Amateure, Sieger wurden.

Auf unser Mail meldet sich weder der Peter noch der Jufly und auch nicht der Rotscher von den «Grillfründe» – dafür die Silvia. Genauer: Silvia Seiler. Sie sei von den Mellinger Männern beauftragt worden, die eigenartigen Medienanfragen zu beantworten.

Silvia Seiler aus Mägenwil AG gehört nicht zu den «Grillfründe», geht ihnen aber gerne zur Hand, wenn Mann in Not ist. Sie ist lebendiger Beweis dafür, dass Grillieren keine reine Männerdomäne ist. Die 40-Jährige hat schon immer gerne gekocht und fürs Grillieren geglüht, und irgendwann habe es ihr dann den Ärmel ganz hineingenommen.

Mit ihrer Firma ( www.fire-and-smoke.ch ) veranstaltet sie Grillevents und erteilt Grillkurse. Und ja, es gebe tatsächlich einen kleinen Wintergrill-Boom. Ihre Winterkurse, die vorab von eher Ambitionierten besucht würden, seien gut ausgebucht. Sie erteilt diese Kurse für die Firma Weber-Stephen...

Ach, genau dieses Profimässige hatten wir ja bei unserer Auskunftsperson nicht unbedingt gewollt. Aber der sympathischen Silvia Seiler darf man vertrauen. Für sie beginnt Grillieren nicht erst dort, wenn jemand mit einer Lokomotive-ähnlichen Maschine auffährt und mindestens 20 Edelhölzer auf Lager hat, mit denen man dem Grillgut besonderen Geschmack verleihen kann. Sie hat auch ein Herz für den mager ausstaffierten Balkonbefeurer, der allenfalls nur einen Elektrogrill hat – unter Hardcore-Grilleuren ein absolutes No-Go.
 

Zur Not tut es auch ein Elektrogrill

Die Fachfrau aber hat Verständnis, gerade in der Stadt sei der Elektrogrill eine passable Alternative zu Holzkohle oder Gas. Vorurteile würden auch daher rühren, da vor allem früher Elektrogrills wenig leistungsfähig waren und die Wurst damit mehr gesotten als gebraten worden sei.

Sie selber setzt jedoch auf Holzkohle und Gas. Ganzjährig. Bei jedem Wetter. «Grilliert wird bei uns privat jede Woche mindestens einmal», sagt sie. Ihr Mann habe überhaupt nichts dagegen, wenn sie am Rost stehe, im Gegenteil. Er müsse nur schauen, dass er nicht zunehme. Denn es wird so einiges aufgelegt. Ob Fleisch und Wurst oder Gemüse, ob Suppe oder Dessert (Bratapfel mit Schokolade) – mit dem Grill geht alles. Alles!

Was muss man denn anders machen als im Sommer? Im Prinzip eigentlich gar nichts, es gelte nur ein paar Tipps verschärft zu beherzigen (siehe unten).

Gegessen wird das Grillierte bei Seilers dann zwar in den allermeisten Fällen schon drinnen, und dank moderner Technik wie dem iGrill-Thermometer (siehe Box) ist auch nicht nötig, dass die grillierende Person ständig nach draussen gehen muss, um zu schauen, wie weit die Sache schon gediehen ist.

Falls es gleichwohl erhöhter Aufmerksamkeit bedürfe, sei das nicht weiter schlimm. Denn, so Silvia Seiler, das Wintergrillieren führe auch zu einer speziellen Gruppendynamik: Nicht bloss die Raucher unter den Gästen würden gerne mit nach draussen kommen. Vereint steht man um den Grill, wärmt sich gegebenenfalls ein wenig daran, parliert mit dem Glas in der Hand. «Einige würden am liebsten gleich ganz draussen bleiben.»

Zu sehen gibt es dort indes nicht sehr viel – der Dunkelheit wegen und weil speziell im Winter der Grill gedeckt sein sollte.
 

Wintergrillieren zum Wohl der Allgemeinheit?

Dennoch, einem veritablen Grillplausch steht in der kälteren Jahreszeit nichts im Wege – theoretisch. Es fragt sich nur noch, ob gewisse Vergnügen nicht genau davon leben, dass man sie eben nicht ganzjährig pflegt. Es hat ja durchaus etwas für sich, wenn man an einem lauen Frühlingsabend bei Vogelgezwitscher erstmals im Jahr den Grill anwirft und den betörenden Bratwurstduft einsaugt. Dieser Reiz geht beim Dauergrillieren verloren.

Allerdings könnte es sinnvoll, sein, wenn die Grillabende allgemein vermehrt übers ganze Jahr verteilt würden. An Hochsommerabenden kann der aus jeder Ecke dringende Wurstduft auch zur Volksplage werden, zu schweigen vom beissenden Brennspritgeruch und eingenebelten Quartieren.

Wenn im Winter aber doch eher das Fondue als das Steak lockt, ist Silvia Seiler nicht verlegen und schliesst den Kreis elegant: Auf den Grill mit dem Caquelon! Geht das? Geht!

 

Tipps zum Grillieren im Winter

- Bei tieferen und erst recht bei Minustemperaturen muss man längere Garzeiten einplanen. Fachfrau Silvia Seiler rechnet mit rund 20 Prozent mehr.

- Für eine Wurst oder ein Plätzli ist das nicht nötig, aber wenn ein Braten, ein T-Bone-Steak, ein Poulet oder eine Ente auf den Grill kommt, ist ein Thermometer für das Messen der Kerntemperatur unerlässlich, im Winter noch mehr als im Sommer, da die gewohnten Garzeiten – und auch Wartezeiten – wie erwähnt länger werden.

- Grilldeckel zu. Das ist im Grunde genommen immer wichtig, aber bei Kälte draussen Pflicht.

- Mit Holzkohlengrill: Am besten verwendet man zum Anfeuern einen sogenannten Anzündkamin und Anzündwürfel. Auch daran denken, dass Holzkohle im Winter nicht überall erhältlich ist. Einem spontan ins Auge gefassten Grillplausch kann das einen Strich durch die Rechnung machen.

- Mit Gasgrill: Propangas verwenden, Butangas verflüssigt sich kurz unterhalb des Gefrierpunkts.

- Mehr warme als kalte Beilagen servieren.

- Warm anziehen, am besten nach dem bewährten Zwiebelprinzip (schichtweise). Aufgepasst: Unter anderem fangen Fleecejacken besonders leicht Feuer. Das kann schlimme Verbrennungen verursachen. Achten Sie beim Tragen von Halstüchern und Schals auf genügend Abstand zum Feuer. (red)

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