UNKOMMOD

Simons erste Weihnachten

24.12.2017 | 05:19
Claudia Lässer

Simon ist das einzige Kind auf der Welt, das noch nie Weihnachten gefeiert hat. Nicht, weil er keine Lust dazu hätte, nein, ganz einfach, weil er nicht weiss, dass es Weihnachten uberhaupt gibt. Obschon Simon acht Jahre alt ist, hat er noch nie jemanden das Wort Weihnachten sagen hören, noch nie einen Weihnachtsbaum gesehen, Weihnachtsguetsli gegessen oder ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Er kennt das Rascheln von Geschenkpapier genauso wenig wie das Knistern in der Seele, wenn die Vorfreude auf Heiligabend Tag fur Tag zunimmt. Fur Simon ist Weihnachten einfach ein weiterer Tag im Dezember. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden. Simon wohnt mit seiner tauben Grossmutter in Tobelbuhren, am Waldrand eines Glarner Seitentals, wo die Sonne im Winter nie scheint.

«Mama, echt jetzt», Sophie rollt mit den Augen. «Das ist ja voll der Kitsch, wer glaubt denn so was», raunt sie ihre Mutter an. Sophie ist 14 und fährt mit ihren Eltern zu den Grosseltern Weihnachten feiern. Trotzig wendet sie sich von ihrer Mutter ab, die ihr die Autofahrt mit der Geschichte von Simon verkurzen wollte, und blickt durch die Autofenster in die Leere des winterlichen Nachthimmels. «Verruckt, dieser Schnee, davon hat der Wetterbericht gar nichts gesagt», bricht Fabian, Sophies Vater, der am Steuer sitzt, das Schweigen. «Ruf mal bei Grossmami und Grosspapi an, dass wir später kommen.» Sophies Mutter greift zum Telefon. «Kein Netz», sagt sie erstaunt wie zu sich selbst. «Krass, ich auch nicht», bestätigt Sophie. «Naja, es ist ja nicht mehr weit», versucht Fabian die Ratlosigkeit aufzufangen. «Schlimmer als bei Simon in Tobelbuhren», mault Sophie, wie es nur Teenager können. «Ja genau, was ist denn jetzt mit dem ­Simon», fasst Fabian dankbar nach. «Also», schlägt Sophies Mutter staatsmännisch das Buch wieder auf. «Wenn Simon morgens in Grossmutters Haus aufwacht, fällt sein Blick zuerst auf ein Blumenmeer, das jede Nacht neu erbluht und tagsuber verwelkt. Jede Blume ist einzigartig und wächst nur im Winter und nur in der Nacht. Wenn Simon morgens aufwacht und mit verschlafenen Augen die ersten Blicke auf das Blumenmeer wirft, funkeln sie wie Sterne. Nie pfluckt er eine dieser Blumen, weil er weiss, sie kommen morgen wieder, die Eisblumen am Fenster uber seinem Bett.»

Fabian schmunzelt und sieht seiner Frau ein bisschen spöttisch, aber doch geruhrt in die Augen. «Pass auf», schreit Sophie mit weit aufgerissenen Augen und zeigt auf die Strasse. Irgendwie und gerade noch so schafft es Fabian, dem Hirsch, oder was zum Geier das war, auszuweichen und das Auto auf allen Vieren zu halten. «Mann Papi», «Mensch Fabian», «Was denn». Fabian drosselt das Tempo und wird stutzig. «Wo sind wir uberhaupt?» «Echt jetzt?» «Ja, echt jetzt.» Die Landschaft erinnert an die zu erwartende, weicht aber auf unheimliche Weise von der bekannten ab. «Blöder Hirsch, hat uns vom Weg abgebracht», denkt sich Fabian. «Da, da vorne ist Gross­mamis und Grosspapis Haus», jubelt Sophie. «Hm», wendet Fabian ein, «ähnlich, aber das ist es nicht.» «Egal, wir fragen da mal nach», entscheidet Sophies Mutter. Im Schritttempo fährt Fabian das Auto vors Haus, hält an. «Nun geh schon», fordert Sophies Mutter. Fabian steigt aus und läutet an der Ture. Eine alte Frau öffnet. Fabian fragt nach dem Weg, aber die Frau versteht ihn nicht. Fabian ist ratlos, da gestikuliert die Frau, er solle sich kurz gedulden, und ruft «Simon».

«Hallo», ruft Simon schon im Flur. «Ich bin Simon, das ist meine Grossmutter. Sie ist leider taub und weiss auch nicht mehr alles.» Fabian ist verdutzt, bleibt aber bei seinem Plan. «Wir haben uns auf dem Weg zur Weihnachtsfeier verfahren und wollten fragen...» «Was fur eine Feier?», fragt Simon verdutzt. «Na Weihnachten.» Fabian merkt, dass der Bub keine Ahnung hat.

Mittlerweile sind Sophie und ihre Mutter ausgestiegen und können genauso wenig glauben, was sie gehört haben. «Ich hab’ wieder Netz», meldet Sophie und ruft ihre Grosseltern an. «Kommt erst mal rein», sagt Simon. «Und unsere Grosseltern?», wirft Sophie ein. «Die können ja auch kommen.» Und so feierten alle zusammen Weihnachten und erklärten Simon, was Weihnachten ist, bis dieser mit grossen und alle mit muden Augen schlafen gingen. «Danke», sagte Simon, «und morgen zeige ich euch mein Blumenmeer.»

Wie hätten Sie Simon erklärt, was Weihnachten ist?

Claudia Lässer

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